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Die barmherzige Medizin

von Christoph Kunkel



Für einen Menschen des tibetischen Kulturkreises wäre es völlig ausgeschlossen, sich von einem Arzt behandeln zu lassen, der zwar seine technischen Verrichtungen beherrscht, aber nicht gläubig und fromm ist. Es ist schon in der Theorie nicht möglich, sich die tibetische Medizin ohne die Gedanken des Buddhismus zu denken. Die tibetische Medizin ist jedenfalls zu einem entscheidenden Teil gelebter Buddhismus. Nun mag man einwenden, dass eben dies eine wichtige Errungenschaft der europäischen Aufklärung gewesen war, die Trennung zwischen Medizin und Theologie zu vollziehen. Ein Rückdrehen des Rades der Geschichte erschiene uns fundamentalistisch. Mit recht sei dies vollzogen worden, um den Patienten aus der Verstrickung von Sünde und Schuld herauszuhalten. Und deswegen ist es zwar schön und wohltuend für den Patienten, wenn er auf einen liebevollen, ja barmherzigen Arzt trifft, der in Ausübung seiner persönlichen Güte und Liebe seine Medizin betreibt. Wer sollte dem widersprechen? Aber die Frage, die ich hier aufwerfen will, ist folgende: Wie findet die Liebe Gottes, die Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Christus, die Allgegenwärtigkeit des Heiligen Geistes Einzug in die moderne Medizin? Manche mögen einwenden, dass dies ja nie entfernt von unserer Medizin war, dass sie immer darin versteckt war, dass es ja ein Akt von christlicher Nächstenliebe ist, wenn man jemandem die Gallensteine entfernt, ihn von Schmerzen befreit oder wenn man seine psychischen Grenzzustände aus der christlichen Existenzdeutung heraus versteht und behandelt, wie es nicht wenige von uns Kollegen wohl tun.

Was fehlt, ist die systematische Durchdringung der Medizin durch den Glauben. Unsere Kirchen haben sich in den letzten Jahren darauf beschränkt, in ethischen Fragen, Eckpunkte zu setzen. Sei es nun in der Frage der Organtransplantation, der Sterbehilfe oder der Abtreibung. Hier haben ernsthafte Geister gestritten und Grundsätzliches gesagt. Dies macht zweifelsohne den hohen Ethos unserer Medizin aus.

Für die meisten von uns ragen diese ethischen Betrachtungen tief und deutlich selbst in die alltäglichsten Erwägungen mit hinein. Nicht nur im Sinne allgemeiner, aus antiker Zeit stammender Grundannahmen, kein Trauma zu setzen, wenn es nicht unbedingt notwendig ist, die finanziellen Möglichkeiten des Patienten zu berücksichtigen, den Kollegen zu achten und seine eigenen Verdienste nicht marktschreierisch anzupreisen. Aber der Arzt ist in eine moderne Erkenntnisfalle gegangen. Er lässt allgemeine humanitäre Gesichtspunkte der höheren Sittlichkeit zwar walten, eine inhaltliche Veränderung der Medizin aus "fachfremden" Systematiken heraus, würde er als Ansinnen ablehnen. So, wie es im preußisch-protestantischen Kernlanden üblich war, im Staatswesen Toleranz walten zu lassen, so hat sich unter dieser Toleranz die Religion zu einer Privatangelegenheit entwickelt. Das Luthertum ist abstinent, indoktriniert keinen anderen, lässt jeden nach seiner Facon selig werden. Der Protestant ist hierin bis zur Selbstverleumdung in seiner Glaubensausübung säkular, und so ist es kaum zu merken, dass er eigentlich vernarrt und verliebt ist in die Erkenntnisse der naturwissenschaftlichen Medizin, überhaupt in die Verwissenschaftlichung der Welt und der Bezüge, in die der Mensch gestellt ist. Vielleicht hat sein Glaube in der Rationalität sein stärkstes Zentrum.

Auch der katholische Kollege, seiner katholischen Soziallehre verpflichtet, betreibt eine Medizin, die von seiner persönlichen Frömmigkeit durchzogen sein mag, die aber nicht dazu führt, dass die medizinisch-handwerklichen Techniken, sofern sie keine sittlich zulässigen Grenzen überschreiten wollen, eben von dieser Gläubigkeit durchdrungen werden.

Das ist eigentlich das fatale an unserer Medizin. Wenn ein Patient mit seinem Leiden zu einem Arzt kommt, dann ist es ein ganzer Wust von Erkenntnissen, die der Arzt verarbeiten muss. Die medizinische, somatische Seite, die psychische Dimension des Geschehens, die sozialen Aspekte, aber auch die existentiellen life-events, die gleichsam aus dem allgemeinen menschlichen Existieren hinein ragen in die individuelle Krankheitssituation. Uns fehlt aber eine, von der Nächstenliebe systematisch belebte, bis in ihre Technik hineinragende Methodik der Medizin. Genau dies aber hat die alte tibetische Medizin. Der Buddhismus ist der Erkenntnismodus, der diese alte Medizin durchdringt, in seinen Techniken, in seinen Handreichungen, in seiner Auswahl der Medikamente, in der Anordnung der Praktiken, sei es nun yogischer, tantrischer oder dharmischer Art und Weise. Zwischen den verschiedenen Daseinsformen, den geistigen und den seelischen wird nicht getrennt. Sie alle sind nur unterschiedlich ausgestattete Daseinsformen ein und des selben Menschenwesens. Aber es nützt nichts, in diese alten, in sich noch stimmigen Kosmologien, wie z.B. der chinesischen Medizin oder der tibetischen Medizin naiv zurück zu gehen. Eine Strahlentherapie oder eine Chemotherapie wird auch nicht nebenwirkungsärmer dadurch, dass sie von einem sanftmütigen Arzt so schonend wie möglich angewendet wird. Was ich meine ist die Barmherzigkeit der Methodik und Technik, von der unsere Medizin durchdrungen werden müsste. Die existentielle Ausdeutung einer Krankheit, die Glaubenskrisen, die sich daraus entwickelnden psychischen Verwicklungen - das würde ja noch mancher hinnehmen, oder, dass es psychotherapeutische Prozeduren gäbe, die sich nicht aus der neuzeitlichen, glaubenlosen Psychologie speisen, die ständig davon redet, "den anderen dort abzuholen, wo er ist" oder ständig "Kannst du damit leben?" fragt oder "Wollen wir darüber sprechen?". Sondern die darauf abzielt, im emphatischen Aufarbeiten der existentiellen, zu Grunde liegenden Situation eine Therapie zu machen. Freud selbst ist eigentlich in diese entsetzliche Materialismusfalle gegangen. Sein Judentum war so stark, dass er seine ganze Menschenliebe und Erkenntnisfähigkeit in die Methode der Psychoanalyse eingehen ließ. Gleichzeitig aber musste er mit der Strenge des methodischen Naturwissenschaftlers sich seine eigenen Wurzeln, der jüdischen Religiosität, abhacken.

Genauso, wie es in der Abtreibungsdebatte notwendig ist, neue soziale Möglichkeiten der Lebensbewahrung im kirchlichen Raum zu erproben, zu neuen Lebensformen für Mutter und Kind zu finden, zu neuer nachbarschaftlichen Hilfe, in der der Arzt einen bedeutenden Platz hat, anstatt sich immer nur über die Beratungsmodalitäten Gedanken zu machen. Genauso muss sich die Kirche darüber Gedanken machen, wie sie den Medizinbetrieb und die Medizin selbst verändert. Es reicht nicht aus, ein Krankenhaus zu haben, in dem Ordensschwestern arbeiten oder die Ärzte gläubig sind, sondern die Methoden, die dort angewendet werden, müssen von der Wahrnehmung des Heiligen Geistes durchdrungen sein. Die Erforschung des Glaubens hinsichtlich seiner Wirkung auf das funktionelle und das vegetative Geschehen, Möglichkeiten der energetischen Meditation aus dem Gebet mit Wirkung für das Immunsystem z.B.. Neue Techniken am Krankenbett; schonende, nichtinvasive Techniken der operativen Fächer; neue Techniken der anamnestischen Befragung und Bewertung der Erkrankung aus den Lebensereignissen heraus, aus den stattgehabten Krankheiten und Existenzkrisen heraus, die damit verbunden sind; Gottes Wirken also in dem Lebensweg des Patienten.

Es geht doch durch die Öffentlichkeit ein lauter Schrei nach Zuwendung, nach Besinnung auf die alten Wurzeln. Andererseits belächeln wir die "Hildegard-Medizin", wir belächeln randständige, meditative Hilfen für den Patienten, wir belächeln so etwas wie die "Fliege-Sendung", wo die Menschen sich auf einen Medizin-Tourismus begeben um ihren Heiler zu finden, der sie ganz sieht, der sie ganz annimmt und eine neue Methode hat, vermittelt durch eine Sendung mit geistlichem Touch. Ja, es ist geradezu schuldhaft, dass man Felder des klassischen Glaubens in Kultur und Medizin auch aufgegeben hat und sie neuen Heilslehrern überlassen hat. Nichts hat die naturwissenschaftliche Medizin dem entgegenzusetzen! Jedem, der sich mit ihr beschäftigt, signalisiert sie, dass es keine über sie selbst hinausgehende Erkenntnismodalität zulassen darf. Das Irrationale, das Eigentliche der Heilung, versucht sie auszublenden, zu negieren, als heilungsabträglich und unvernünftig. Oder sie überlässt dieses Feld verächtlich den Hilfswissenschaften, die nicht exakt forschen. Wem klingt da nicht die Rede auf dem Internisten-Kongress nach, es wäre geradezu ein Kennzeichen des Humanitären, Irrationales aus der Medizin heraus zu halten, denn das wären die Vorboten und Sendboten der Barbarei. Gerade dies zeigt doch ein völliges Nebeneinander zweier menschlicher Seienszustände - hier die Rationalität, die auch die abseitigsten Dinge zu erhellen versucht, dort der Glaube, der eine Abspaltung logischen Erkennens vom Erleben, Existieren nicht hinnehmen will. Die Tiefe der Tibetischen Medizin erschließt sich gerade darin, die psychotische Sinnensverarbeitung findet ihre Abhilfe gerade durch den Glauben, der bereit ist, in die Tiefe der Krankheit hineinzugehen, die Spaltung des Menschen bleibt aus. Wenn wir uns vor Augen führen, wie grotesk die psychiatrische Therapie hier keine Brücke zulässt zwischen Hirnstoffwechselstörungen mit Transmittern auf der einen Seite und verbalen und verhaltenstherapeutischen Therapien auf der anderen Seite, ohne reife Anthropologie - dann müsste das Defizit klar werden. Oder nehmen wir die Krebstherapie. Das Non-plus-ultra ist die Beseitigung der krankhaften Zellverbände. Fast in exorzistischer Weise wird dieser Zelle der Garaus gemacht.

Was mit dem Menschen währenddessen passiert, wird mit Bedauern hingenommen. Warum werden nicht biologische Heilverfahren wie die Gerson-Therapie oder die biologische TCM-Stoffwechsel-Therapie systematisch erprobt und integriert? Das Nein dazu zeugt eben von einem Glaubenseifer, den man meint bekämpfen zu müssen. Es ist keinesfalls der herrschsüchtigen Naturwissenschaft allein gegeben, sie ist nicht die einzig kompetente, wenn es darum geht dem Menschen zu helfen. Der Verzicht auf die geistlichen Seiten in der Krankheitsdeutung macht den Arzt zu jemanden, der sich selbst geblendet hat, diese Verleugnung als einen Preis der Erkenntnis preist, den anderen Schritt als Rückschritt bezeichnet. Um diese Erkenntnismöglichkeiten und Emphathiemöglichkeiten selbst beschnitten, sitzt er seinem Patient gegenüber und reduziert dessen Beschwerden auf das zulässige Maß herunter. Würde er sich als in der Nachfolge Jesu Christi stehend seinem Patienten wieder zuwenden können, könnte er Angst die gemeinsame Angst und Schuld tiefer verstehen und aus der gläubigen Emphase eine andere Heilung bei seinem Patienten bewirken, ihm sein Leiden erträglich machen, nicht etwa schön reden, ihm vielleicht den Lebenssinn seines Leidens aufzeichnen, so, wie er es selber versteht, nicht aufzwingen.

Er könnte sich selber wieder als Werkzeug Gottes begreifen, dass er ja zweifelsohne jeden Tag ist, und sich fragen, was in der entscheidenden Situation jetzt praktisch zu tun wäre. Schon indem er seine eigene Erkenntnismöglichkeit als beschränkt erkennt, seine eigene Verblendung akzeptiert, das Geheimnis der Krankheit seines Patienten letzten Endes nicht ergründen zu können, begibt er sich unter seinen Patienten, will ihm dienen, sich neben ihn stellen. Hier beginnt die Heilung für Arzt und Patient, eine gemeinsame Hoffnung, ein gemeinsames Aufgehobensein in Gott. Die tödliche Wurzel der Angst kann verstanden werden, gemeinschaftlich aufgelöst und die lebendige Kraft des Glaubens hilft die Krankheit brüderlich zu überwinden.


Anschrift des Verfassers:
Dr. med. Christoph Kunkel
Zentrum für traditionelle chinesische Medizin
Markstraße 24, 36037 Fulda
Tel.: 0661 / 7 05 22, Fax: / 24 93 23





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