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Shiatsu - Spuren suchen und Fährten legen

Ein Klienten-Bericht

Shiatsu bedeutet für mich : Einmal im Monat eine Stunde lang nichts tun, sagen, denken zu müssen, sondern einfach nur in mir zu ruhen, dasein zu dürfen.
Indem ich mich, bewusst, völlig passiv in Christophs Hände begebe, gerate ich in ein Geschehen voller Überraschungen und spannender Abenteuer, aus dem ich meistens entspannt und zufrieden wieder auftauche.

Ich liege bäuchlings, mit geschlossenen Augen, auf einer dicken, weichen, warmen Decke. Es dauert eine Weile, bis ich, halsstarrig wie ich bin, den viel zu schweren Kopf in eine erträgliche Lage gebracht und die Arme am für mich "richtigen" Platz abgelegt habe. Noch ehe mich Christophs Fingerkuppen links und rechts der Wirbelsäule erreichen, spüre ich ihre Annäherung. Es ist aufregend wie das Aufsetzen der Räder bei einem Landeanflug. Manchmal dauert es lange, bis der stete Druck der achtsam zupackenden Hände meine hin- und herflatternden Alltags-Gedankenfetzen zerstreut hat. Manchmal breitet sich nur Leere aus im Hirn; Bilder oder Erinnerungen wollen sich nicht einstellen. Dafür spüre ich dann umso deutlicher jeden kleinsten Druck entlang eines Meridians oder, oft völlig überraschend und quasi als überlautes Echo auf die vorausgegangene Berührung, ein bohrendes Ziehen im weit entfernten Backenzahn, ein nicht enden wollendes Flattern des Augenlids oder einen stechenden Schmerz unter der Schädeldecke. Zu Beginn der Behandlung vor ca. 1 Jahr biss ich in solchen Augenblicken automatisch die Zähne zusammen ("Ich will diesen Schmerz nicht!") oder verfiel ins Grübeln ("Warum tut's denn jetzt hier weh? Was bedeutet das?"). Inzwischen verkrampfe ich mich weniger häufig, registriere den Schmerz, schau mir die Bilder an, die ihn begleiten, gähne gelegentlich in ungeahnter Ausgiebigkeit über ihn hinweg oder bin nur einfach froh, wenn Christoph sich dem nächsten Akupressurpunkt zuwendet.

Wenngleich der Schmerz eine der dominierenden Empfindungen während meiner Shiatsu-Stunden ist, hat er doch viele Gesichter. In Verbindung mit Gefühlen der Trauer, der Verzweiflung, des Verlustes, des Todes kann er zum existentiellen Erleben werden, von diffusen bis konkreten Bildern aus der biographischen Ur- und Frühgeschichte durchzogen und von den ihr eigenen Verletzungen gespeist. "Es ist so schön, wenn der Schmerz nachlässt" -  das hörte ich oft als Kind, wenn ich, heulend und Trost suchend, mit aufgeschlagenen Knien heimkam und die blutende, verdreckte Wunde mit Jod eingepinselt wurde. Zum ursprünglichen Schmerz kam nun noch der, den das Jod verursachte, und dazu gesellte sich Wut über diese alles andere als schmerzlindernde Behandlung. Mein Jammern und Wüten provozierten auch noch Verachtung und Spott darüber, dass ich nichts aushielt. Dann war es wirklich schön, wenn der Schmerz im Körper wie in der Seele endlich nachließ und sich auf ein aushaltbares Maß reduzierte. Dann erst war auch Trost, Verständnis, Mitgefühl der anderen für mich überhaupt wahrnehmbar.

Im Laufe meines Lebens haben sich im Körper eine Menge Verletzungs- und Unlust-Erfahrungen abgelagert, und die Seele hat (oft irrationale) Abwehrmechanismen dagegen ausgebildet. Im späteren Erwachsenenalter ist mir der Schmerz ebenso wie die Angst zu einer Art Wegweiser im Dschungel der verleugneten Gefühle und ungestillten Bedürfnisse geworden, und das Shiatsu wirkt dabei wie eine Wünschelrute.

Meinem Bedürfnis, mich fallen lassen zu können und gehalten zu werden, entspricht Christoph am ehesten, wenn er sich meinem Kopf und dem Nacken-Schulter-Bereich widmet. Ich war völlig baff, als ich in meiner ersten Shiatsu-Stunde spürte, wie schwer mein Kopf geworden war - nicht nur im übertragenen Sinn. Die Vorstellung, ein Streichholz als Hals zu haben, das gleich wegknicken würde, löste fast ein Gefühl der Panik aus. Ein anderes Mal hob Christoph nicht nur meinen Kopf an und drehte ihn vorsichtig, so weit es ging, um seine imaginäre Achse - er hob meinen Oberkörper an, bis ich saß. Es war eine unglaublich weite Strecke zurückzulegen, begleitet von Übelkeit und Schwindel. Ich hatte ganz stark das Empfinden, ein kaum entwickeltes, sehr zerbrechliches Rückgrat zu besitzen und diesen dicken Schädel, der auf viel zu schwachen Schultern und einem Nichts von Nacken saß, niemals in die Senkrechte zu bekommen. So, dachte ich und war voller Angst und Mitgefühl, so muss sich ein Baby fühlen, das gerade seinen Kopf selbständig zu tragen lernt. Mir fielen dazu Bilder mit meiner Tochter ein, Phantasien über mich als Baby und Kopf-hoch-Sprüche.  "Kopf hoch, wenn der Hals auch dreckig ist!"  pflegte eine meiner Großtanten zu sagen, wenn ich als Kind, statt hocherhobenen Hauptes, verschämt und mit hochgezogenen Schultern von dannen zog, weil ich eins auf's Dach bekommen oder meinen Kopf nicht hatte durchsetzen können, ihn jedenfalls lieber hängen ließ.

Während einer Shiatsu-Behandlung Monate später fühlte ich mich noch weiter in die Anfänge meines Lebens zurückversetzt, als Christoph mich beim Aufrichten mit beiden Armen umschlang und ich mit angezogenen Beinen und tief auf die Brust gesenktem Kopf wie im Uterus kauerte. Ich wollte nichts als bloß schnell raus aus dieser Enge, die mir Angst machte und mir kaum Luft zum Atmen ließ! Von einer Freundin erfuhr ich später, wie sehr sie gerade diese Haltung genießt: das Gefühl der Geborgenheit in einem schützenden Mutterleib.

Christophs Hände als zuverlässig haltende zu erleben, nimmt mir dann immer wieder die Angst, die bestimmte Berührungen punktuell auslösen können.  Unsere Sprache ist voll von Metaphern, die frühe vorsprachliche Erfahrungen des Körpers und der Seele enthalten und die zugleich der späteren Verschleierung von eben diesen Bedürfnissen und Affekten dienen.

Heute also liege ich auf dem Bauch, mit abgespreizten Armen. Spontan fällt mir Kafkas "Verwandlung" ein, doch passt das Bild vom unförmigen, hilflosen Käfer nicht zu meinem augenblicklichen Körpergefühl. Mir schwebt etwas anderes vor, eher etwas Röhrenförmiges, Schmales, Zartes. Dann hab' ich's: Libelle, in der Nähe eines Wassers, Teiches, lange Zeit still in der Luft an einer Stelle flirrend und dann plötzlich davonschwirrend. Nun bin ich auf einem großen, regennassen, fleischigen Blatt gelandet. Abgestürzt? Christoph ist inzwischen nicht mehr mit meiner Wirbelsäule beschäftigt, sondern hockt vor mir und schiebt seine Füße unter meine Schlüsselbeine, so dass sich mein Oberkörper leicht hebt, während meine Stirn weiterhin den Boden berührt. Ich wollte, er hätte Riesenfüße und ich könnte dieses Ungetüm von Kopf in seiner ganzen Schwere sich aushängen lassen, könnte den Kopf so lange hängen lassen (auch im übertragenen Sinn), bis Nacken und Schultern im wahrsten Sinne des Wortes entlastet wären. Zugleich frage ich mich, wie ich, als Libelle, jemals wieder würde starten können mit einem derart schweren Kopf, in dem jetzt nur der Gedanke hämmert: Was muss ich tun?  Muss ich? Was? In diesem Augenblick fordert Christoph mich auf, mich umzudrehen. Schwerfällig und stöhnend komme ich seiner Bitte nach und sofort fällt mir wieder Kafkas "Verwandlung" ein. Alles Libellenhafte ist verschwunden und geradezu ins Gegenteil verkehrt - wie eine unförmige, gepanzerte Masse fühle ich mich jetzt. Die einzige, beruhigende Gewißheit, die ich in diesem Augenblick habe, ist die, dass meine "Verwandlung" einen anderen Verlauf als bei Kafkas Gregor nehmen wird : vom Riesenkäfer- und Panzergefühl weg und wieder hin zur eigenen, gleichsam erneuerten oder erlösten Identität am Ende der Stunde.

Und während mich nun Christophs Berührungen am Bauch zwischendurch zu heftigem Abwehrzucken, erotischen Gefühlen und kitschigen Sentenzen wie "Hier pulsiert das pralle Leben" verleiten, erlebe ich eine Vielzahl von Körpersensationen, die ich so noch nicht kannte : einen Trommelbauch, der mir fast den Raum zum Atmen nimmt, so dass ich zu platzen meine, und ein heftiges Engegefühl im Hals verursacht. Ich wundere mich, dass das, was da nach außen will und das ich nicht zu benennen weiß, so stark nach oben drängt. Ich gähne und gähne, doch der befreiende Durchbruch gelingt nicht ganz. Dann wieder empfinde ich weniger den Leib als vielmehr den Kopf als die Stätte prallen Lebens, das Blut schießt förmlich hinein, die Einfälle purzeln, ich wünsch mir einen Gedankenaufzeichner. Das Gähnen wie das Reflektieren darüber, was gerade in meinem Körper geschieht, hilft mir offenbar wieder zurück in mein gewohntes Körperschema.

Aus meiner Psychoanalyse kenne ich Situationen, in denen über verschiedene Assoziationsketten bestimmte Affekte evoziert werden, die ich zuweilen erst über den Umweg ihrer physischen Manifestationen wahrnehme: mir wird's eng im Hals, ich schlucke und schlucke und bringe doch den Brocken nicht herunter (oder heraus). Meine unbewussten Widerstände gegen das Wiederaufleben konfliktreicher Inhalte und Bedürfnisse sozusagen unter den Augen und in die Ohren des Analytikers hinein äußern sich dort auf der Couch oft in einer bis an Erstarrung grenzenden Anspannung fast des gesamten Körpers. Die emotionalen, kognitiven und physischen Blockaden lösen sich dann wieder ein Stück weit in der verbalen Auseinandersetzung mit dem Analytiker, im Dialog. Beim Shiatsu spielt der Dialog gleichfalls eine entscheidende Rolle, selbst wenn der erste Augenschein dagegen spricht, weil wenig oder gar nicht während der Behandlung gesprochen wird. Ich als Klientin (von lat. cliens, der Schutzbefohlene, der sich anlehnt) gebe meine Handlungskompetenz ab im Vertrauen darauf, durch die Berührung, durch die Wärme und Lebendigkeit von zuverlässigen, haltenden, Vertrauen schaffenden Händen positiv verändert zu werden - nämlich gerade da, wo meine innere Kommunikationsfähigkeit zwischen Wahrnehmen, Fühlen und Denken, zwischen psychischen und physischen Prozessen, zwischen Körper, Geist und Seele gestört ist und mir handfeste Schmerzen bereitet. dass Shiatsu nicht nur, einseitig zugunsten des Klienten, innerpsychische Heilungs- und Reifungsprozesse fördert, sondern über eine narzisstische und regressive Bedürfnisbefriedigung hinaus tatsächlich den Dialog, den Austausch, im Blick hat, wird mir deutlich sowohl in den die Stunde reflektierenden Nachgesprächen als auch in der Haltung, in der Christoph die eigentliche Shiatsu-Behandlung beendet: "Danke" sagt er leise und setzt sich abwartend neben mich, bis ich wieder auftauche.  -  Danke auch für Ihre Begleitung.


Dörte Rothenburg

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