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Homöopathie - eine kritische Bestandsaufnahme

von Jochen Schleimer


Die Kerzen sind ausgeblasen, die Toasts verklungen und die Hausfrau muss das schmutzige Geschirr abwaschen.

1796 wurde das Ähnlichkeitsprinzip erstmals von Samuel Hahnemann in "Hufelands Journal der praktischen Heilkunde" veröffentlicht, und die Homöopathie feierte ihren Geburtstag (Wer weiß eigentlich, dass es noch ein zweites Mal, nämlich 1810, in der jetzigen Form formuliert wurde?). Vermutlich wurde es schon früher entdeckt, noch vor dem legendären Selbstversuch mit China und vermutlich noch früher erahnt - in den kalten Nächten auf dem Planwagen kaum gewärmt von Bier und Tabakspfeife und ständig gestört von vor Hunger weinenden Kindern.

Viel hat sich seither getan. Die Homöopathie verbreitete sich zunächst in Deutschland, dann durch deutsche Einwanderer in den USA, wo sie bis 1917 eine weite Verbreitung fand. Heute ist Indien die Wahlheimat der Homöopathie, und, ob man es wahrhaben will oder nicht, es war ein Österreicher, der sie dort hinbrachte (Honigberger).

Was blieb bei uns, dem Mutterland der Homöopathie? Wo stehen wir? Geht es uns am Ende wie England, das zig Sportarten entwickelte und in keiner mehr einen Fuß auf den Boden bringt?

 

Arzneimittelprüfungen

Früher war es üblich, dass jeder, der Homöopath (Homöopathinnen gab es kaum) werden wollte, eine Arzneimittelprüfung mitmachen musste. Daraus erwuchs die homöopathische Materia medica. Würde man solches heute verlangen, kämen die Aspiranten einem vermutlich mit dem Rechtsanwalt.

Dabei sind Arzneimittelprüfungen gerade heute bitter notwendig: Die Prüfungen wurden bekanntlich an jungen, gesunden Männern durchgeführt; nicht an Alten, an Kindern oder Frauen. Das hat Konsequenzen, wie es im Artikel über das Arzneimittelbild von Plumbum gezeigt wurde.

Statt dessen wird eine Vielzahl neuer Arzneien ungeprüft nur auf Grund klinischer Beobachtungen aus den Volksmedizinen fremder Kulturen übernommen. Das gab es auch schon früher, die Materia medica wird neben den Arzneimittelprüfungen aus den Beobachtungen am Krankenbett und aus der Toxikologie gespeist. Im Prinzip ist dagegen nichts einzuwenden, nur mit Hahnemanns Idee hat es weniger zu tun.

Vermutlich würde der streitbare alte Herr (Sternbild Widder) auch über die Waschzettel seriöser homöopathischer Firmen erbost sein: Steht doch dort "Homöopathisches Arzneimittel". Was aber macht das "Homöopathische" aus - die Herstellung nach dem HAB oder das Simileprinzip?

Mit vorsichtiger Skepsis hätte er wohl das Einbringen tiefenpsychologischer Aspekte durch die südamerikanische Homöopathie beobachtet. Schließlich stammte er aus der Übergangszeit zwischen Rokoko und dem eher puritanischen Biedermeier. Freud hätte er zwar verstanden aber wohl innerlich nicht nachvollziehen können. Eine Bereicherung für die Homöopathie sind die Arbeiten von Candegabe aber allemal.

Die homöopathische Forschung hätte ihn allerdings in Harnisch gebracht. Von Leisetreterei hielt er nie etwas. Der größte Teil der homöopathischen Forschung ist apologetisch und daher widerlich. Die Homöopathie braucht ihre Existenz nicht zu rechtfertigen, schon gar nicht vor Leuten wie Prokop mit seinem wissenschaftlich verbrämten Verhältnisschwachsinn. Trotzdem wird immer wieder über Arbeiten referiert, die von Veränderungen an Lymphozytenkulturen bei Hinzufügung potenzierter (das Wort "homöopathisch" ist hier wirklich unangebracht) Substanzen berichten. Wissenschaft ist an sich eine lobenswerte Beschäftigung, aus den erwähnten Arbeiten spricht jedoch immer so etwas wie ein schlechtes Gewissen.

Die Existenz von Krankenkassen hätte er wahrscheinlich begrüßt; schließlich stammte er aus einer Zeit, als es in Deutschland noch Hungersnöte gab und die Daseinsfürsorge für 90 % der Bevölkerung nicht gewährleistet war. Mit den jeweiligen Gesundheitsministern hätte er sich vermutlich duelliert oder in stete Beleidigungsprozesse verstrickt. Mit Spannung allerdings hätte er auf die Ergebnisse der Metastudie der gesetzlichen Krankenkassen gewartet, ob Versicherte, die mit naturheilkundlichen Methoden behandelt werden, nicht seltener und kürzer krank sind als andere. Die Forschung der Homöopathie ist in der erster Linie die Arzneimittelprüfung und in zweiter Linie die epidemiologische Studie. So etwas gibt es vor allem in Indien, wo Militärärzte homöopathische Arzneimittelprüfungen anordnen können und bei Choleraepidemien homöopathische Ärzte gleichberechtigt neben allopathischen arbeiten. Wer einmal erlebt hat, wie innerhalb von Sekunden die Differentialdiagnose zwischen Tabacum, Cuprum und Veratrum album gestellt wird, sieht die homöopathische Heilkunst in einem anderen Licht.

Vielleicht wäre Hahnemann statt nach Frankreich im Alter nach Indien gezogen, denn unser westlicher Nachbar hätte ihm mit seiner heutigen spießig-merkantilen Mentalität kaum zugesagt und mit seinen Sankritkenntnissen und seiner Sprachbegabung hätte ihm das Erlernen einer indischen Sprache kaum ernsthafte Schwierigkeiten bereitet.

Vieles hätte er heute wohl anders formuliert: Unbekannt waren die vielen funktionellen Erkrankungen, der Begriff der Sucht kommt bei Hahnemann so gut wie nicht vor und die vielen Fälle von chronischem Siechtum (in körperlichen, geistigen und sozialen Sinn) hätte ihn schlankweg entsetzt. Schließlich bedeutete für ihn Gerontomedizin (den Begriff gab es allerdings damals noch nicht) eine Verlängerung der jugendlichen Leistungsfähigkeit und nicht des Alters.

Zu seiner Zeit waren Alterssiechenhäuser (euphemistisch "Seniorenheime" genannt) so gut wie unbekannt. Kaum krank arbeitete er ohne Anzeichen von Demenz bis 14 Tage vor seinem Tod im 89. Lebensjahr.

Die "vitalen Edelrentner", die sich frühzeitig aus dem Erwerbsleben herausgemogelt haben und ihren Schwerbehindertenausweis mit Stolz wie Tapferkeitsmedaillen herumzeigen, hätten ihn aus ähnlichen Gründen abgestoßen.

Problem hätte ihm auch die Zunahme der schweren Mischmiasmen durch die Leistungen der Perinatologie gemacht. Die Säuglingssterblichkeit war zu seiner Zeit sehr hoch, und nur sehr gesunde Kinder überstanden die ersten drei Lebensjahre. Als Folge dessen waren miasmatische Störungen meist einfacher strukturiert und leichter zu behandeln.

Erregt hätte ihn auch der falsche Hedonismus und die Ungeduld der heutigen Patienten. Nux vomica hilft zwar gegen einen Kater, wer aber regelmäßig große Mengen Alkohols trinkt, bekommt trotz dieses Mittels eine Leberzirrhose und obwohl zu seiner Zeit die Lebenserwartung niedriger war als heute war die Bereitschaft, eine langfristige therapeutische Verpflichtung auch mit den notwendigen Änderungen in der Lebensführung einzugehen, größer als in der Zeit der "machbaren Wunder".

Der Computer hätte ihn fasziniert. Schließlich stand er mit einem Bein im 18. Jahrhundert mit seiner Bewunderung für Automaten und Künstlichkeit; möglicherweise hätte er die Homöopathie (was sie irgendwie auch ist) als kybernetische Medizin bezeichnet. Bei der Rechner-gestützten Repertorisation wären ihm vermutlich erhebliche Bedenken gekommen: fasziniert hätte ihn die Geschwindigkeit der Arbeitsabläufe, war die Musik seiner Zeit vom schnellläufigen Virtuosentum geprägt, wohl hätte er sich auch dafür begeistert, große Wissensmengen auf engstem Raum zu komprimieren. Den möglichen Verlust des Denkens hätte er jedoch zu Recht gefürchtet: Wer die Idee eines Falles verpasst und alle Symptome in sein Programm eingibt, erhält fast immer Sulfur - das facettenreichste homöopathische Mittel. Er hätte dann wohl über die "Sulphurologen" gewettert und sie mit dem kernigen Ausdruck des "Afterhomöopathen" beschimpft.

Die Abgeltung seiner ärztlichen Bemühungen durch die GOÄ-Positionen 30 und 31 hätte ihn gefreut. Schließlich war er die meiste Zeit seines langen Lebens bettelarm und liquidierte erst im Alter in Paris auf eine Weise, die heute die Verwaltungsgerichte beschäftigen würde. Er war nun einmal der Ansicht, dass der reiche Patient mehr zahlen soll als der Bedürftige, da der materielle Wert für die Wiederherstellung der Gesundheit eben nicht gleich ist.

Gelacht hätte er wohl über die Ausführungen, dass eine homöopathische Erstanamnese mindestens eine Stunde dauern soll. Zu seiner Zeit konnte man das schneller: Arthur Lutze - der Nachfolger Hahnemanns in Köthen - behandelte während seines vergleichsweise kurzen Lebens 1 1/2 Millionen Patienten. Hätte er sein ganzes Leben (ohne Schlaf, Essen und Sonstiges) nur mit der Behandlung unter der Maßgabe der GOÄ-Ziffer 30 verbracht, er hätte über 171 Jahre leben müssen.

Vermutlich hätte sich der eher ungeduldige Hahnemann streitlustig und spitzzüngig dahingehend geäußert, dass eine einstündige homöopathische Anamnese ein Entsorgen seelischen Giftmülls darstellt; die Psychokatarrhsis ist kein Element der Homöopathie.

1998 wurde über eine Zulassung in San Marino mit Viagra die erste Life-Style-Droge in der EU eingeführt. So schnell kann es gehen, wenn mächtige finanzielle Interessen hinter etwas stehen. Ebenso schnell könnte auch die Homöopathie durch den Antrag eines einzigen EU-Staats von der Bildfläche verschwinden, auch wenn "alle Macht vom Volke ausgeht".

Am 10.04.2005 können wir dann wieder feiern: Hahnemann hat seinen 250. Geburtstag. Hoffentlich gibt es sie dann noch, "die königliche Heilkunst". Wenn dem so wäre, viele es leichter, die übliche Lobhudelei und Selbstbeweihräucherung zu ertragen.

 

Anschrift des Verfassers:


Dr. med. J. Schleimer
Neurologe-Psychiater
Waltramstr. 3
81547 München


Diese Informationen und Veranstaltungshinweise
finden Sie auch in der Zeitschrift Naturheilpraxis des Pflaum-Verlages:

 


 

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