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Geißfuß, Gicht und Grünkräutertag

von Thomas Richter


In letzter Zeit ist es auf dem Gesundheitsmarkt verstärkt zu einem Trend zur sog. TCM (traditionellen chinesischen Medizin) gekommen. Mittels entsprechender Atemtechnik, Ernährung, Akupunktur sowie Teedrogen verspricht man sich Erfolge bei chronischen Erkrankungen, deren kausaler Bekämpfung der modernen Heilkunde bisweilen noch Schwierigkeiten macht. Oftmals wird vergessen, dass es auch eine traditionelle europäische Medizin gibt. Diese hat ihre Ursprünge in Antike und Mittelalter, sie prägte für Jahrhunderte das Gesicht des Abendlandes. An erster Stelle der Therapie standen pflanzliche Arzneimittel. Viele dieser Präparate sind im Zuge der Entwicklung der modernen Medizin im letzten Jahrhundert in Vergessenheit geraten. Sie überlebten allenfalls in Gestalt von volksmedizinischen Gesundheitsbüchern. Eine Aufgabe der "Naturheilkunde" wird es sein, diesen verborgenen Schatz der abendländischen Phytotherapie wieder zu heben. Erste Ansätze sind in Gestalt von medizinhistorischen Forschungsprojekten bereits gemacht und haben zu konkreten Ergebnissen geführt und sollen in Form eines kurzen Beitrages anhand von Aegopodiumarten (Dreiblatt, Giersch, Geißfuß) vorgestellt werden.

Aegopodium podagraria (Abbildung 1) ist eine alte europäische Kulturpflanze, deren Synonyme Geißfuß, Giersch oder Dreiblatt lauten. Sie gehört zur Familie der Doldengewächse (Apiaceen bzw. Umbelliferen) und kommt sowohl wild als auch in Züchtungen vor. Der Habitus der Blätter deutet sich schon in der Namensgebung an, etwa wenn wir auf die Ausdrücke "Dreiblatt" oder auch "Geißfuß" stoßen. Letzterer kommt von der Tatsache, dass die Abschnitte der doppelt-dreizähligen Blätter mit den Fährten bestimmter Tiere verglichen werden. Auch die kreuzförmige Gestalt gab der Pflanze in der sog. Signaturenlehre eine gewisse Bedeutung. So finden wir im Kräuterbuch des Jakob Diether Tabernaemontanus ("Mann aus Bergzabern") im ausgehenden 16. Jahrhundert die Benennung "aegopodium pes caprae", was nichts anders heißt als "Geißfuß" (Abbildung 2). Letzt genannter Autor hat sich sehr umfangreich mit der Wirkung der Pflanze auseinandergesetzt. Die Verwandtschaft mit der Engelwurz ("Angelica") rührt von der gleichen Familienherkunft der Doldengewächse her.

Wenngleich auch der humanistische Arzt zum Ausdruck bringt, dass "Aegopodium" ein "veracht und unachtsam Kraut" sei, so stellt er jedoch einen Anwendungsbereich in den Vordergrund, nämlich das "Zipperlein, Gliedsucht und Hüfftwehe". Auch die Bezeichnung "podagraria" weist uns auf das Leiden der Adeligen und Wohlhabenden hin, nämlich die "Gicht". Genanntes Leiden wurde jedoch in der Medizingeschichte anders erklärt, als unsere modernen Mechanismen. Bei allen Betrachtungen sollte man sich vergegenwärtigen, dass Krankheiten vor der Mitte des 19.Jahrhunderts mit einer Überproduktion von Körpersäften bzw. einem Verderb entsprechender Körperflüssigkeiten erklärte. So galt der Aderlass (Abbildung 3) bzw. die Purgation mittels laxierender Substanzen als die Methode, um Krankheitsmaterie aus dem Körper zu ziehen. Als besonders gefürchtet galt die schwarze Galle oder im Falle der "Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises" der "Rotz" (Schleim), der sich an den bezeichneten Gelenken, wie etwa Hände oder Füße sammelt oder somit im Falle der unteren Extremitäten (Pes, Podagra) für die Gichtanfälle verantwortlich ist. Dabei muss der Einsatz des Aegopodiums gute Erfolge erzielt haben. Denn Tabernaemonatnus empfiehlt ihn sowohl innerlich ("in Wein gesotten Morgens und Abends darvon getruncken") als auch äußerlich in Form einer Auflage die Anwendung des Dreiblattes. Bis vor kurzem hätte man derartige Anwendungen vielleicht belächelt oder als Zeichen eines "therapeutischen Nihilismus" abgetan.

In jüngster Zeit ist jedoch Aegopodium wieder in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. In bestimmten Spezies dieser Pflanze lässt sich ein hoher Kaliumgehalt nachweisen, der für eine Reihe medizinischer Wirkungen verantwortlich ist. Dies führt zunächst zu einer vermehrten Flüssigkeitsausscheidung und hilft so bei der Eliminierung von Harnsäure. Aus diesem Grunde wird deutlich, weshalb "Aegopodium" auch als "Gichtpflanze" verwendet wurde. Des weiteren verbirgt sich hinter dem "Geißfuß" eine potente Mineral- und Vitaminquelle, was auch in einem nordwestdeutschen Brauch deutlich wird. Man verabreicht am "Grünkräutertag", wie dieser Feiertag beispielsweise im Raum Osnabrück heißt, eine "grüne Suppe", welche aus "Neunerleikräutern" besteht. Dazu gehört neben dem Aegopodium unter anderem auch Rumex acetosa (Sauerampfer), Taraxacum officinale (Löwenzahn) bzw. Cichorium intybus (Wegwarte), weiße Taubnessel, Schafgarbe sowie Sauerklee. Bei diesem Gericht stand sicherlich der Gedanke im Vordergrund, die im Winter angeschlagene Immunabwehr sowie die Versorgung mit Mineralien und Vitaminen aufzufrischen. In diesem Reigen dürfte Aegopodium als Kaliumquelle eine große Rolle spielen. Vor kurzem ist man sogar auf die Möglichkeit einer Schlaganfallprophylaxe mittels Kalium aufmerksam geworden, weshalb dieser Stoff auch in Zukunft von Bedeutung sein wird. Für diejenigen, welche das Zubereiten einer Suppe zu aufwendig erscheint, sei darauf hingewiesen, dass es seit kurzer Zeit auch eine Aegopodiumzubereitung unter der Bezeichnung Dreiblatt Kalium Granulat auf dem Markt ist.

Die Wiederentdeckung dieser alten Pflanze verdanken wir unter anderem dem Schweizer Kräuterpfarrer Künzle (Abbildung 4), welcher Aegopodium bei "innerer und äußerer" Vergiftung empfiehlt. Dieser, sozusagen das Schweizer Pendant zu Sebastian Kneipp, knüpft mit seiner Empfehlung an die humoralpathologische Tradition der Pflanze an. Heute wissen wir, dass die entschlackende Wirkung der Pflanze mit ihrem hohem Kaliumgehalt einhergeht.

Der Beitrag macht deutlich, dass gerade die traditionelle europäische Medizin über ein Reservoir an pflanzlichen Arzneimitteln verfügt, welche in Vergessenheit geraten sind. Sowohl neuzeitliche Kräuterbücher, als auch das Studium volksmedizinischer Bräuche führen jedoch zu greifbaren Erfolgen und werden auch im nächsten Jahrtausend die Naturheilkunde maßgeblich beeinflussen. Experten sprechen in diesem Zusammenhang von einer "urheimischen" Medizin, das heißt einer Heilkunde, mit der schon Generationen vor uns in Europa vertraut waren und gute Erfolge erzielten.


Literaturangaben:
Eichele (1991): Dietmar Eichele, Was blüht denn da? Wildwachsende Blütenpflanzen Mitteleuropas, Stuttgart 1991
Hegi (1908 - 1935): Gustav Hegi, Illustrierte Flora von Mitteleuropa, I-VII, München 1908 - 1931, Zweitauflage hrsg. von Karl Suessenguth, I, München 1935; hier: Bd.V, Teil 2, S. 1212 - 1216
Hovorka, Kronfeld (1908): Oskar von Hovorka, Adolf Kronfeld, Vergleichende Volksmedizin, Bd. I und II, Stuttgart (1908)
Marzell, Heinrich (1937-1979): Heinrich Marzell (und Wilhelm Wissmann), Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen, I-V, ab Bd. III fortgeführt von Heinz Paul, Leipzig (1937-) 1942-1972, ab Band III: Stuttgart und Wiesbaden 1976 - 1979, hier: Bd I, Sp. 124 - 132
Tabernaemontanus (1731): D (octoris) Jacobi Theodori Tabernaemontani (= Jakob Dieters aus Bergzabern) Neu vollkommen Kräuter = Buch ....,Basel: Ludwig König 1731, S. 243
Urheimische Notizen, Blatt für Gesundheitsförderung, VI (1998), Editorial


Anschrift des Verfassers:
Dr. Thomas Richter
Institut für Geschichte der Medizin der Universität Würzburg
Oberer Neubergweg 10a
97074 Würzburg


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